Ohne Finanzbildung keine Chancengerechtigkeit
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Ich mache jetzt seit Jahren Jugendbeteiligungsprozesse. Ich habe mit zigtausenden Jugendlichen über ihre Lebensrealität gesprochen. Aber die Ergebnisse unseres diesjährigen Jugendberichts Finanzbildung haben mich trotzdem wieder innehalten lassen. 72 Prozent der AHS-Schülerinnen und -Schüler lernen in der Schule nichts über Geld und Finanzen. Und gleichzeitig sagen 73 Prozent aller befragten Jugendlichen, dass sie genau das wollen: mehr Finanzbildung. Die Nachfrage ist da, aber das Angebot fehlt. Für unsere partizipative Studie haben wir über 1.800 junge Menschen aus ganz Österreich befragt. Was sie uns erzählt haben, ist ein Spiegel, in den wir als Gesellschaft ehrlich hineinschauen sollten, auch wenn es uns nicht gefällt. Die unbequeme Wahrheit: Finanzbildung wird in Österreich vererbt. Wer das Glück hat, in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem über Geld gesprochen wird, über Zinsen, Verträge, Investitionen, der hat einen klaren Vorsprung. Und wer dieses Glück nicht hat? Der surft auf Tiktok und hofft, dass der nächste Reel-Algorithmus ihm erklärt, was die Risiken von Krypto sind. Und das darf kein Vorwurf an die Jugendlichen sein, das ist ein Systemversagen.
Gleiche Voraussetzungen schaffen
Besonders deutlich zeigt sich das beim finanziellen Familienhintergrund. Hier wird es unangenehm für alle, die gern behaupten, in Österreich entscheide Leistung über Erfolg. Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien fehlt mehr als dreimal so oft das Geld für einfache Grundbedürfnisse wie Essen oder Schulmaterialen wie Jugendlichen aus stabilen Verhältnissen, bei Freizeitaktivitäten ist die Lücke ähnlich groß. Diese jungen Menschen erleben signifikant häufiger finanziellen Stress, fühlen sich schlechter vorbereitet und haben fast doppelt so oft Angst, Schulden nicht zurückzahlen zu können. Das sind komplett andere Startvoraussetzungen, egal wie viel Potenzial oder Wille man hat.
Paradoxerweise brennt es dort am meisten, wo am meisten Engagement vorhanden ist. Mädchen wollen mehr über Finanzbildung lernen als Burschen, vor allem Betrug und Online-Abzocke betreffend. Trotzdem fühlen sie sich beim Thema Finanzen unsicherer und schlechter auf die Zukunft vorbereitet als ihre männlichen Altersgenossen: Mädchen fühlen sich doppelt so „oft gestresst“ von Geld als Burschen. Wie kann es sein, dass mehr Interesse nicht zu mehr Sicherheit führt? Dieser Gap entsteht nicht im Erwachsenenalter. Er entsteht jetzt, in Klassenzimmern und Wohnzimmern, still und schleichend.
Pflichtfach Finanzbildung
Ich sage das nicht, um zu dramatisieren. Ich sage es, weil ich es für strukturell behebbar halte. Und das ist der eigentliche Skandal: Wir wissen, was zu tun wäre. Finanzbildung als verpflichtender, schultypenübergreifender Bestandteil des Unterrichts. Nur so erreicht man tatsächlich alle. Wer heute nicht lernt, mit Geld souverän umzugehen, trifft später schlechtere Entscheidungen. Wir brauchen keine weitere Broschüre, die allen das Gleiche erklärt, sondern Finanzbildung, die genau dort ansetzt, wo der Rückstand am größten ist: bei Mädchen, bei Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien. Wie man das macht, fragt man die Jugendlichen am besten selbst. Sie haben das in unserem Bericht klarer formuliert als mancher Bildungspolitiker: Finanzwissen soll nicht vom Elternhaus abhängen. Die Zukunft interessiert sich nicht dafür, ob jemand als Kind eine gute Finanzbildung hatte. Zinsen laufen. Verträge gelten. Schulden wachsen. Was wir jungen Menschen heute vorenthalten, holt sie und uns alle morgen ein.

Autor
Gründerin YEPworks
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